Interview mit Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl, Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI

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»Wissbegierde, Kreativität und Zielstrebigkeit reichen nicht aus, um Erfolg zu haben.«

 

Über Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl

Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl ist Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Als eine der »Top 100 der einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft« (Manager Magazin und Boston Consulting Group) bringt die studierte Bekleidungstechnikerin und Betriebswirtin ihre Expertise auch in zahlreichen weiteren Rollen ein. Sie war Mitglied des  Expertendialogs der Bundeskanzlerin 2012. Im gleichen Jahr wurde sie in die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) berufen. 2014 wurde sie vom damaligen Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier zum Mitglied des Deutsch-Chinesischen Dialogforums ernannt. 2016 wurde sie in den Universitätsrat der Universität Heidelberg berufen. Zur Zeit ist Frau Prof. Dr. Weissenberger-Eibl Mitglied in drei Aufsichtsräten: Bei der HeidelbergCement AG, bei der der MTU Aero Engines AG und seit 2016 bei der Rheinmetall AG. Sie ist zudem Herausgeberin der Reihe "Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft“ und berät Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu ganzheitlichen Lösungen in Deutschlands Innovationsprozess. Im Interview haben wir unter anderem darüber gesprochen, was Biologie mit Unternehmertum zu tun hat, welche Trends sie in der Automobilbranche verfolgt und welchen Rat sie Gründerinnen mit auf den Weg gibt.

 

Name: Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl

Profession: Institutsleiterin

Firma: Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI

 

Sie sind Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Welche Schritte haben Sie an diesen Punkt geführt?

In erster Linie mein großes Interesse an der Innovationsthematik, das mich schon während meiner Tätigkeit als Abteilungsleiterin in einem Wirtschaftsunternehmen, aber genauso in Studium, Promotion und Habilitation ständig begleitet und gereizt hat. Dabei wollte ich genauer in die Materie eindringen und wissen, wann und warum Innovationen entstehen und welche Rahmenbedingungen dafür gegeben sein müssen. Als Leiterin des Fraunhofer ISI und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie KIT befasse ich mich täglich mit diesen spannenden Fragen. Neben der Praxiserfahrung in der Wirtschaft und einer guten wissenschaftlichen Ausbildung sind aber auch andere Aspekte wie Neugierde, Mut, eine effiziente Organisation und Freiräume essentiell, um im Berufsleben Erfolg zu haben.

 

Welche Aspekte Ihrer Arbeit inspirieren Sie im Moment besonders?

Es inspiriert mich als Innovationsforscherin, mich wissenschaftlich mit den großen Herausforderungen unserer Zeit auseinanderzusetzen und an Lösungsoptionen hierfür mitzuarbeiten. Eine besondere Herausforderung ist sicherlich die Digitalisierung und die Frage, wie sie unsere Wirtschaft und Gesellschaft verändern wird. Viele Menschen fürchten in diesem Kontext Jobverluste, etwa durch den Einsatz von Robotern. Am Fraunhofer ISI haben wir dieses Thema erforscht und unsere Studien zeigen, dass digitale Tools wie Roboter in der Industrie nicht unbedingt zum Abbau von Arbeitsplätzen führen müssen – sie können sogar neue schaffen, weil es auch Menschen braucht, die sie programmieren, warten und so weiter. Zudem können Roboter Effizienz und Produktivität von Arbeits- und Produktionsprozessen steigern und sich positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen auswirken. Darüber hinaus kann ein hoher Robotereinsatz bei hochgradig digitalisierten Unternehmen sogar verhindern, dass diese wegen geringerer Lohnkosten ihre Produktionskapazitäten ins Ausland auslagern. Und dies ist nur ein Beispiel für die Potenziale der Digitalisierung, die wir stärker sehen sollten.

 

Digitalisierung macht die Welt vernetzter und damit komplexer. Was können Führungskräfte und Entrepreneure für den erfolgreichen Umgang damit von Wissenschaften wie der Biologie lernen?

Die Biologie lehrt uns zwei wichtige Erkenntnisse, die sich hinter den Stichwörtern „Evolution“ und „Anpassungsfähigkeit“ vergeben. Und diese lassen sich gut auf die Digitalisierung übertragen: Denn in einer hochgradig vernetzten, digitalen Welt wandeln sich Prozesse und es entstehen neue Geflechte und Netzwerke. Wer sie durchschauen und in ihnen bestehen will, muss anpassungs- und wandlungsfähig sein. Wenn Unternehmen zu lange an Etabliertem festhalten, kann dies Gefahren bergen. Zu einem solchen Ergebnis kommen wir auch in einer unserer Studien. Hier fanden wir heraus, dass gerade Großunternehmen die Digitalisierung als Chance verstehen und handeln, während viele Mittelständler zögerlich bleiben. Uns überraschte dabei, dass dies sogar auf Schlüsselindustrien wie die deutsche Elektroindustrie zutrifft, für welche die Digitalisierung ja eine besondere Bedeutung hat. Gerade einmal 20 Prozent der in dieser Branche tätigen Mittelständler – und sie machen etwa 90 Prozent der gesamten Elektroindustrie aus – haben die Digitalisierung in ihrer Firmenstrategie verankert und bereiten sich auf die digitale Transformation vor. Ein genauso großer Anteil, also 20 Prozent, stellen die Digitalisierung aber komplett infrage. Wollen KMU ihre Zukunfts- und Anpassungsfähigkeit sicherstellen, muss hier unbedingt ein Umdenken stattfinden.

 

Was sollte an Universitäten heute gelehrt werden, um die Herausforderungen von morgen zu meistern?

Das deutsche Bildungssystem muss viel stärker auf die Vermittlung interdisziplinärer und universaler digitaler Kompetenzen ausgerichtet und damit auf die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt angepasst werden. Nur so lassen sich die Herausforderungen von morgen meistern. Lehren und Lernen muss die Vorteile digitaler Chancen weitaus umfassender nutzen als dies bisher der Fall ist. Die Vorzüge unseres aktuellen Bildungssystems wie die gute berufliche Ausbildung und ein hoher Anteil von Akademikern mit Spitzenqualifikationen sollte erhalten, aber die jeweiligen Ausbildungsbereiche stärker disziplinübergreifend verschränkt und ebenfalls um Digitalkompetenzen ergänzt werden. Noch mehr entwickeln müssen wir sicherlich im Bereich der digitalen Technologien, und zwar für alle Arten von Objekten und Systemen. Dies schließt physische Objekte genauso ein wie Produktionsprozesse oder persönliche Mobilitätsmuster. Gerade, weil immer mehr Prozesse in Wirtschaft und Industrie datenbezogen ablaufen, die virtuelle Abbilder physischer Vorgänge in Form von Daten erzeugen, wird der intelligenten Datenverknüpfung ein großes Wachstumspotenzial bescheinigt. Dieses gilt aufgrund der Datengetriebenheit aber ebenso für Bereiche wie den Schutz der Privatsphäre und IT-Sicherheit, deren Bedeutung künftig wachsen wird. Auch dies sollte bei der Ausbildung an Universitäten und Hochschulen stärker berücksichtigt werden.

 

Sie sind Vorsitzende der Kernarbeitsgruppe „Strategiedialog Automobilwirtschaft BW". Welche Trends sollten Führungskräfte der Automobilbranche besonders ernst nehmen?

Ein zentraler Gedanke ist, Erfolgsfaktoren des Forschungs- und Innovationsumfeldes zu identifizieren und diese auch auf unkonventionellem Wege in eine „neue“ Wertschöpfung der „neuen Automobilwirtschaft“ fruchtbar werden zu lassen. Systembaustellen, Austausch und Kommunikation an den Branchenschnittstellen als selbstverständlich zu etablieren, kann ein möglicher Schritt sein. Führungskräfte sollten sich darüber hinaus auch noch stärker mit den technologischen Entwicklungen in den Bereichen Elektromobilität und alternative Antriebe, Digitalisierung und automatisiertes Fahren befassen, weil diese die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen stark verändern werden. Als Ausgangspunkt der Überlegungen sollten die Erwartungen der Gesellschaft an Mobilität stehen, denn Technik braucht den Rückbezug zur Gesellschaft. Dies geschieht zwar schon teilweise, allerdings muss der Verkehrssektor beispielsweise seine Schadstoffemissionen noch weiter senken und einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Daher hat die Landesregierung Baden-Württemberg auch den auf sieben Jahre angelegten »Strategiedialog Automobilwirtschaft« initiiert, damit die für das Bundesland so wichtige Automobilindustrie sich noch intensiver mit diesen Schlüsselfragen befasst. Insbesondere geht es dabei auch um die stärkere Vernetzung von Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeitnehmerverbänden, Verbraucherorganisationen, Umweltverbänden und Zivilgesellschaft.

 

Sie waren lange Zeit beruflich in der Bekleidungsindustrie zuhause. Verfolgen Sie Trends rund um FashionTech und wenn ja: welches Startup sollte noch gegründet werden?

Am Fraunhofer ISI befassen wir uns ausgiebig mit Zukunftstrends, wobei wir nicht die eine Branche oder Technologie, sondern die gesamte Wirtschaft mit ihren komplexen Vernetzungen und Prozessen im Blick haben. Vor kurzem kam ich dabei auch mit einer Innovation aus dem Bereich FashionTech in Berührung. Diese wurde im Rahmen des Deutschen Innovationspreises für Klima und Umwelt, den das Fraunhofer ISI wissenschaftlich begleitet, ausgezeichnet. Es handelt sich um einen neuen und nachhaltigeren Herstellungsprozess für Kleidung, genannt X-Biomer. Fossile Rohstoffe werden hier durch Nebenprodukte der Lederindustrie und nachwachsende Rohstoffe ersetzt sowie große Energiemengen für Sprühtrocknung und Transporte eingespart. In diesem Bereich, also der nachhaltigen Herstellung von Kleidung, sehe ich auch Potenzial für die Gründung zukünftiger Start-ups.

 

Ihr Rat für angehende Gründerinnen?

Als Innovationsforscherin wäre mein erster Rat, sich nicht nur auf eine geniale Idee allein zu fokussieren, um auf dieser Basis ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen. Sicherlich steht an jedem Anfang einer Unternehmensgründung zunächst eine gute Idee. Doch erst wenn diese Idee oder Entwicklung auch andere Menschen begeistert, realisiert wird und einen Markt findet, wird sie zur eigentlichen Innovation. Anstatt auf einen Markt zu hoffen, der die Produkte dankend aufnimmt, sollte dieser in einem vorhergehenden Schritt auf mögliche Bedarfe hin gründlich analysiert werden. Erfolgt eine Gründung nicht überhastet, ist auch die „Überlebensquote“ von Start-ups größer.  

Ein weiterer Rat zielt auf soziale Skills ab. Zunächst gilt es zu betonen, dass klassische Eigenschaften wie Neu- und Wissbegierde, Kreativität, Erfolgswille und Zielstrebigkeit immer hilfreich sind, auch für angehende Gründerinnen und Gründer. Aber diese allein reichen am Ende nicht aus, um Erfolg zu haben. Deshalb rate ich im Hinblick auf die veränderte Arbeitswelt der Zukunft, vermehrt auf die eigene Selbstvermarktung zu achten. Diese Erkenntnis basiert auf einer unserer Studien, in der wir uns mit den Herausforderungen in der zukünftigen Arbeitswelt befasst haben. Die zunehmende Bedeutung der Selbstvermarktung lässt sich darauf zurückführen, dass es im Zuge des digitalen Wandels bis zum Jahr 2030 deutlich mehr Selbstständige und Kleinstunternehmen als heute geben könnte. Des Weiteren werden dabei auch eine effiziente Selbstorganisation, die eigene „digitale Reputation“, Praxiserfahrungen und die Fähigkeit zur Vernetzung wichtiger. Auch könnte der Nachweis der eigenen Kompetenzen durch Zertifikate zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor werden, um diese mit anderen Lern- oder Leistungsdaten online zum Beispiel in Berufsnetzwerken zur Verfügung zu stellen und damit für sich und sein Unternehmen zu werben.

 

Frau Prof. Dr. Weissenberger-Eibl - vielen Dank für das Interview!

Leila Oppermann