Interview mit Brigitte Zypries, ehemalige Bundesministerin für Wirtschaft und Energie und Schirmherrin

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»Ohne die Leistung von Frauen wäre der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht Weltspitze«

 

Über Brigitte Zypries

Brigitte Zypries ist die erste Frau, die in Deutschland den Wirtschaftsminister-Posten besetzt hat. Seit ihrem Amtsantritt hat sie sich dafür stark gemacht, die Erfolge von Frauen in der Wirtschaft sichtbar zu machen und junge Frauen zu ermutigen, sich selbstständig zu machen. Dabei argumentiert sie mit dem wirtschaftlichen Nutzen, mit der Logik - und das sehr erfolgreich. Wir freuen uns und fühlen uns geehrt, dass Brigitte Zypries die Schirmherrschaft für das Summer Camp 2018 übernimmt. In unserem Interview haben wir intensiv darüber gesprochen, wie ein weiblicheres, digitales Deutschland aussehen kann und wie wir dieses Ziel erreichen.

 

Name: Brigitte Zypries

Profession: Politikerin

Initiativen: FRAUEN Unternehmen#StarkeFrauenStarkeWirtschaft

 

Frauen machen fast die Hälfte aller Erwerbstätigen aus, Mädchen machen mittlerweile öfter Abitur als Jungen. Warum war die Kampagne #StarkeFrauenStarkeWirtschaft dennoch nötig und welche Ziele werden mit ihr verfolgt?

Ganz einfach: Frauen sind in Führungsgremien noch immer deutlich unterrepräsentiert, sie bekommen im Schnitt weniger Gehalt und sie gründen seltener eigene Unternehmen. Das ist volkswirtschaftlich gesehen nicht gut. Deutschland kann es sich auch nicht leisten, das Potenzial der vielen hoch qualifizierten Frauen nicht zu nutzen. Ich meine, dass Frauen stärker motiviert werden müssen und dazu gehört auch die Sichtbarkeit von Leistungsträgerinnen in der Öffentlichkeit. Ohne die Leistung von Frauen wäre der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht Weltspitze.

 

Sehen Sie Bedarf einer Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen in der Wirtschaft? Wenn ja: in welchen Bereichen vermehrt und welche Herangehensweisen tragen zu einer Verbesserung bei?

Innovationskraft und Vielfalt gehen Hand in Hand und die deutsche Wirtschaft droht, an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, wenn sie ihre Führungsteams nicht vielfältiger aufstellt und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter stärkt. Neue Ideen resultieren nicht aus alten Denkmustern. Das müssen wir immer wieder kommunizieren – in der Öffentlichkeit und gegenüber den vielen Unternehmen mit rein männlicher Führungsstruktur.

Zwar sehen wir durchaus, dass die „Frauenquote“ in den Aufsichtsräten langsam wirkt. Allein in 2017 ist bei den Unternehmen mit Quotenbindung der Anteil der Unternehmen, die einen Frauenanteil von 30 oder mehr Prozent haben, um über 14 Prozentpunkte gegenüber 2016 gestiegen. Aber damit sind wir noch lange nicht am Ziel. In den Vorstandsetagen sind immer noch viel zu wenige Frauen. Und auch die Unternehmen, die sich eine „Null“ als Zielgröße für Frauen in ihren Aufsichtsräten, Vorständen und obersten Management-Ebenen gegeben haben, sind noch viel zu viele. Auch wenn ein Umdenken zumindest einmal beginnt, der benötigte „Kulturwandel“ ist noch nicht geglückt. Daran müssen wir kontinuierlich weiterarbeiten.

Ein weiterer Bereich, in dem Frauen immer noch unterrepräsentiert sind, ist das Unternehmertum: Nur jedes dritte Unternehmen wird von einer Frau geführt und auch gegründet. Besonders selten gründen Frauen in technologieorientierten Bereichen: Lediglich rund 14% der Gründer von wachstumsorientierten Technologie-Start-ups sind weiblich.

 

Welche Auswirkungen wird die Digitalisierung in den nächsten 10 Jahren auf die deutsche Wirtschaft haben und in welchen Bereichen sehen Sie den größten Förderbedarf?

Die Digitalisierung wird in vielen Branchen zu starken Veränderungen der bisherigen Wertschöpfungsketten führen. Sie bietet viele Chancen für neue Geschäftsfelder, aber natürlich verändert die Digitalisierung auch unsere Arbeitswelt. Es werden neue und veränderte Berufsfelder entstehen, die Anpassung verlangen. Bildung, Weiterbildung und Qualifizierung werden erheblich an Bedeutung zunehmen. Unternehmen, Arbeitnehmervertretungen und Politik müssen  zusammen arbeiten und die Themen Bildung und Qualifizierung ganz oben auf die Agenda setzen.

 

Nur ein Bruchteil aller Tech-Startups werden in Deutschland von Frauen gegründet. Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Zukunft und wie können wir diese Zukunft erarbeiten?

In der digitalen Wirtschaft, den Startups und den MINT-Berufen wird über die Innovationen von morgen entschieden. Dort werden Lösungen entwickelt für unsere gesellschaftlichen, demographischen und ökologischen Herausforderungen – und die werden nicht weniger und nicht kleiner. Deshalb müssen wir Frauen stärker als bisher in den Innovationsprozess einbeziehen und ihre gestalterische Kraft nutzen!

Es gibt noch zu wenig Gründerinnen, vor allem bei technologiegetriebenen Startups. Programme wie »Grace - Accelerate Female Entrepreneurship« können Frauen motivieren und unterstützen, den Schritt zur Unternehmensgründung zu wagen. Als Unternehmerin kann Frau Ihre eigenen Ideen selbstbestimmt umsetzen und die Zukunft mitgestalten. Das bietet interessante Perspektiven, um kreativ und unternehmerisch tätig zu werden.

 

Welchen Rat können Sie angehenden Gründerinnen für den Aufbau eines erfolgreichen Startups geben?

Als Unternehmerin kann man phantastisch eigene Ideen selbstbestimmt umsetzen und die Zukunft mit gestalten. Ich denke, es ist wichtig, dass man an sich und seine Idee glaubt und den Mut hat, diese dann auch umzusetzen. Man muss sich – ab und zu – das große Bild vor Augen führen: Dass es nämlich die kleinen Ideen sind, an die vielleicht anfangs niemand außer einem selbst glauben mag, aus denen große Ideen werden, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft verändern. Die Kreissäge, der Scheibenwischer, das Rettungsboot, Laserbehandlungen für die Augen, der Klebstoff für Herzoperationen und die erste Programmiersprache – das sind alles Dinge, die von Frauen erfunden wurden. Und sicher war ihren Erfinderinnen im ersten Moment nicht bewusst, was sie mit diesen Ideen bewirken würden.

 

Frau Zypries, vielen Dank für das Interview!

 

Mehr Informationen zum Gründen vom Bundeswirtschaftsministerium gibt es hier: www.existenzgruender.de oder http://www.bmwi-wegweiser.de/start/

Leila Oppermann