Interview mit Tijen Onaran, Gründerin des Karrierenetzwerks »Global Digital Women«

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»Heutige Talente wollen Raum zur Verwirklichung haben«

 

Über Tijen Onaran

Tijen Onaran war mit 20 Jahren Landtagskandidatin der FDP und hat schon Silvana Koch-Mehrin im Europawahlkampf begleitet. Ganz nebenbei hat sie noch einen Abschluss in Politik, Geschichte und öffentlichem Recht gemacht. Nach Zwischenstopps in der Automobilindustrie und in der Welt des E-Commerce hat sie mit »Women In Digital« ein starkes Karrierenetzwerk gegründet, das seinen Mitgliedern Räume für fachlichlichen Austausch schafft. Heute ist das Netzwerk international und heißt »Global Digital Women«. Seit 2016 kommen unter ihrem Dach Frauen mit Karrieren im Bereich Digitalisierung und Konzerne der New- und Old Economy zusammen. Dazu berät sie mit ihrem Unternehmen »Startup Affairs« Startups, Investoren und Konzerne zu Fragen der Digitalisierung und beim Aufbau von Netzwerken und Communities. Tijen ist außerdem Kolumnistin der »Wirtschaftswoche Gründer«.


Name: Tijen Onaran

Profession: Gründerin

Netzwerk: Women in Digital

 

Verschiedene Studien Belegen den Zusammenhang zwischen Digitalisierung und erfolgreichen Karrieren von Frauen. Wie erlebst du das in deiner Arbeit?

Ich kenne viele Frauen, die aus tradierten Bereichen wie dem Mittelstand oder Konzernen kommen. Unternehmen, die schon lange am Markt sind, haben zum Teil eingefahrene Strukturen. Im Zuge der digitalen Transformation sind diese Unternehmen gezwungen, sich und ihre Arbeitsstrukturen in Frage zu stellen - da geht es viel um Employer Branding und die Frage, wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht. Ganz grundsätzlich bedeutet Digitalisierung Offenheit für das Neue. Und diese Offenheit bringen oft gerade Frauen mit.

 

Was müssen Arbeitgeber heutzutage mitbringen, um für eine »Woman in Digital« attraktiv zu sein?

Ein sehr großes Thema ist Freiheit. Heutige Talente wollen Raum zur Verwirklichung haben. Ich sage gar nicht Selbstverwirklichung - ich stelle in Frage, ob das über einen Job möglich ist. Das Individuum braucht aber das Gefühl, dass das eigene Handeln einen Wert hat, Sinn ergibt und nachhaltig ist. Zu dieser Freiheit gehört dann auch Verantwortung. Die muss zum Einen von der Arbeitgeberseite kommen. Auf der anderen Seite müssen Arbeitnehmer aber auch ihre Freiheit ausfüllen können und Verantwortung übernehmen.

 

Viele Individuen und Firmen schauen mit großer Skepsis auf den digitalen Wandel. Wie sollen sie der Zukunft begegnen?

Es ist wichtig, die Sprache der Digitalisierung zu verstehen oder zumindest Grundkenntnisse zu haben. Zunächst muss man sich klar machen, dass digitale Tools nicht ohne uns Menschen funktionieren. Da spricht man dann vom Digitalen Vertrauen. Künstliche Intelligenz kann dein Leben vielleicht bereichern, aber dafür musst du sie verstehen. In Unternehmen muss diese Offenheit von der obersten Führungsriege vorgelebt werden, sonst werden sie abgehängt. Deutschland ist ein innovatives, wirtschaftsstarkes Land. Jetzt müssen wir nur noch das Selbstbewusstsein haben, uns das auch einzugestehen und danach zu Handeln.

 

Stichwort Selbstbewusstsein: Ist das für Frauen im Beruf ein größeres Thema als für Männer?

Ich bin grundsätzlich kein Fan von Stereotypen. Trotzdem sehe ich in meiner Arbeit Frauen, denen an der einen oder anderen Stelle der nötige Mut fehlt. Perfektionismus in allen Ehren, aber am Ende muss man einfach mal machen. Dieses Macherinnen-Gen kann man fördern und das fängt schon in den Schulen bei Themen wie Präsentieren, Rhetorik und Storytelling an. Was auch ungemein hilft, ist, gute Mentoren zu haben. Das kann den Blick weiten und neue Welten eröffnen.

 

Welche Trends beobachtest du im Bereich Digitalisierung?

Strukturen brechen auf und es gibt immer mehr demokratische Elemente in Unternehmen. In Zukunft werden Führungskraft und Team immer stärker auf einer Ebene arbeiten. Aufgabe der Führungsebene wird immer mehr sein, Talente darin zu stärken, ihre Fähigkeiten auszubauen und gezielt anzuwenden. Der zweite Trend, den ich beobachte, ist Künstliche Intelligenz. Die wird auch im Employer Branding vermehrt wichtig. In manchen Unternehmen können Bewerber bereits heute durch KI einen Eindruck davon bekommen, wie ihr Arbeitsplatz aussehen würde. Das ist besonders für internationale Konzerne sehr hilfreich.

 

Worauf sollte man bei der Gründung eines Startups achten?

Man sollte von Anfang an auf ein starkes Netzwerk setzen und sich Vorbilder und Unterstützer suchen, an denen man sich orientieren kann. Man muss auch nicht alles an seinem eigenen Unternehmen verstehen. Der Job einer Gründerin ist, dafür zu sorgen, dass der Laden läuft. Dafür muss man die Talente finden, die können, was man selbst nicht kann. Und gerade darin sind Frauen in der Regel sehr gut. Weiblich geführte Startups sind auf lange Sicht sehr nachhaltig im Bereich Teamwork und Diversity und dadurch auch oft innovativer.

 

Tijen, vielen Dank für das Interview!

Leila Oppermann